„Jetzt wächst in Europa zusammen, was zusammen gehört.“ – Lasst uns das endlich politisch konsequent umsetzen!

Den Mauerfall habe ich vermutlich verpennt, aber da war ich auch gerade erst zwei Jahre auf der Welt. Was mir jedoch sehr gut in Erinnerung geblieben ist, ist mein erster Besuch im Westen. Meine Eltern fuhren mit mir bis kurz über die ehemalige innerdeutsche Grenze, wo wir das nächstgelegene Warenhaus aufsuchten. Das Begrüßungsgeld musste schließlich ausgegeben werden – soweit hatten meine Eltern den Kapitalismus praktisch verstanden. Mich hoben sie in den Kindersitz des Einkaufskorbes und das nächste, was sie mich sagen hörten, war: „Oh, Mutti, was gibt‘s denn hier alles?“. Zack, enttarnt. Mein Vater setzte noch einen drauf und biss in eine Kiwi. Das Klischeebild vom naiven Ossi hatten wir zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit erfüllt. Aber, das frage ich mich heute, worin genau liegt die Scham dieser Anekdote? Wir müssen uns doch nicht schämen, sondern die, die politisch schlechte Entscheidungen getroffen haben.

Der schöne Schein der Waren hielt nicht lang, denn schon bald erfuhren meine Eltern, was Kapitalismus im Alltag bedeutet. Beide konnten in ihren bisherigen Beschäftigungen nicht weiterarbeiten, weil es diese schlicht nicht mehr gab. Ihre Arbeitsplätze und die dahinter liegenden Wertvorstellungen waren über Nacht eingestampft worden. Meine Eltern machten Umschulungen, erwarben neue Abschlüsse und orientierten sich beruflich neu. „Dafür haben wir kein Geld.“ ist ein Satz, den ich mit meiner Kindheit und Jugend sehr stark in Verbindung bringe. Hinzu kam das ständige Gefühl von Unsicherheit, mit dem sie jetzt ihren Alltag meistern mussten. Sichere Jobs gab es zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine im Osten – zumindest nicht für die, die aus ihm kein El Dorado machten und keine „Buschzulage“ erhielten.

Die bekannt machenden Small Talks zu meiner Studienzeit beinhalteten häufig die oftmals geschickt eingearbeitete oder auch indirekt gestellte Frage, wo ich denn herkäme. Diese Erkundigung irritiert mich noch heute. Erstens, weil ich der Überzeugung bin, dass es zig andere Gesprächsinhalte auf Erden gibt. Zweitens, weil ich weiß, was dann kommt: Das sagt mir nichts. Das liegt aber im Osten, oder? Habt ihr auch immer Bananen mit dem Westpaket bekommen? Genau, die Banane als Symbol der Freiheit und Einheit. Dafür sind hunderttausende Menschen damals friedlich auf die Straße gegangen. Und eigentlich wollten sie nicht ihre Familie zurück, als sie die Pakete öffneten, sondern genüsslich in die Banane beißen. So oberflächlich und ignorant verliefen leider viele dieser Gespräche, aber bei Weitem nicht alle.

Heute ist es 30 Jahre her, dass die Einheit vollzogen wurde. Dass die Wiedervereinigung politisch gewollt war, ist gut und um sie bin ich froh. Wie sie damals politisch vollzogen wurde, ist heute nicht mehr zu ändern, muss aber politisch streitbar sein. Ja, die innerdeutsche Migration ist zurückgegangen, in vielen Regionen haben sich die Zahlen sogar umgedreht und ja, es ist einiges investiert worden. Aber es gibt immer noch ungleiche Löhne, ungleiche Renten, ungleiche Chancen- und Machtverteilung. So lange diese Unterschiede bestehen, so lange bleibt Willys Satz aktuell und solange müssen wir über die Unterschiede sprechen und anerkennen, dass es in der Wahrnehmung vieler ein Ost- und ein Westdeutschland gibt. Ich will, dass wir Jusos die politische Kraft sind, die das Zusammenwachsen gestaltet und zeigt, dass es sehr wohl anders geht. Oder, um es mit den Worten von Regine Hildebrandt zu sagen: „Erzählt mir doch nicht, dasset nicht jeht!“.


Potraitbild Kathleen Herr
Ein Blogbeitrag von Kathleen Herr. Sie ist stellvertretende Landesvorsitzende der Jusos Rheinland-Pfalz.